← Magazin Künstler · 15. August 2026 · 5 Min. Lesezeit

Zwischen Tier und Gegenüber: Warum uns gemalte Tiere beschäftigen

Ein Blick, eine Haltung, eine vertraute Silhouette: Tiere begegnen uns in der Kunst auf unterschiedliche Weise. An Arbeiten von Erich Graf, Rike Wölke und Ali Görmez lässt sich beobachten, wie aus einem Motiv eine Beziehung entsteht.

Zwischen Tier und Gegenüber: Warum uns gemalte Tiere beschäftigen

Ein Tier im Bild erkennen wir oft sofort. Noch bevor wir die Malweise wahrnehmen, haben wir seine Gestalt erfasst: einen Löwen, ein Zebra, eine Ente. Mit dem Erkennen beginnt eine Erwartung. Wir verbinden Eigenschaften, Erinnerungen und Bilder mit dem, was wir sehen.

Dann setzt die Malerei ein.

Eine Farbe löst sich vom natürlichen Vorbild. Ein Blick erscheint ungewöhnlich nah. Eine Kontur ist so weit vereinfacht, dass wenige Linien genügen. Das vertraute Tier wird zu einer bildnerischen Figur mit eigener Präsenz.

Bei Favori Art lässt sich diese Verwandlung an unterschiedlichen künstlerischen Positionen verfolgen. Erich Graf, Rike Wölke und Ali Görmez arbeiten mit Tiermotiven, entwickeln daraus jedoch jeweils eine andere Form der Begegnung.

Das Erkennen ist erst der Anfang

Tierdarstellungen tragen ein kulturelles Gedächtnis mit sich. Der Löwe kann Stärke verkörpern, der Vogel Freiheit, die Ente eine beinahe beiläufige Vertrautheit. Solche Zuschreibungen sind verfügbar, lange bevor wir ein bestimmtes Werk betrachten.

Für das einzelne Bild reichen sie selten aus.

Ein Löwe kann souverän erscheinen, angespannt, verletzlich oder entrückt. Welche Wirkung entsteht, entscheidet sich in der konkreten Darstellung: im Verhältnis von Kopf und Bildfläche, in der Ausrichtung der Augen, im Übergang zwischen Körper und Hintergrund.

Auch die eigene Erfahrung wirkt mit. Wer einem Tier besondere Erinnerungen zuordnet, sieht etwas anderes als jemand, der zunächst auf Form und Farbe achtet.

Eine genaue Betrachtung beginnt deshalb beim Sichtbaren. Wie steht die Figur im Bild? Wohin richtet sich ihre Aufmerksamkeit? Welche Bereiche sind ausgearbeitet, welche bleiben offen?

Aus diesen Beobachtungen kann eine Deutung wachsen.

Erich Graf: Der Blick als Begegnung

In Erich Grafs „Lion modern“ (2024, Acryl auf Leinwand, 90 × 120 cm) erhält der Löwe durch die frontale Darstellung eine besondere Unmittelbarkeit. Der Kopf richtet sich den Betrachtenden entgegen. Dadurch entsteht eine Situation, die an ein Porträt erinnert: Wir sehen ein Tier und begegnen zugleich einem Blick.

„Lion modern“ von Erich Graf: frontal gemalter Löwe mit Mähne in Grün, Blau, Rosa und Gelb, Acryl auf Leinwand, 90 × 120 cm
Erich Graf, „Lion modern“, 2024, Acryl auf Leinwand, 90 × 120 cm

Diese Nähe lässt sich betrachten, ohne dem dargestellten Wesen einen eindeutigen menschlichen Gefühlszustand zuzuschreiben. Was wir als Ruhe, Wachsamkeit oder Selbstbewusstsein empfinden, entsteht aus dem Zusammenspiel von Motiv und malerischer Gestaltung.

Die Farbführung beeinflusst, wie wir die vertraute Gestalt lesen: Mähne und Fell lösen sich in Grün, Blau, Rosa und Gelb vom natürlichen Vorbild, während Gesicht und Augen klar gezeichnet bleiben. Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf einzelne Partien und macht sichtbar, dass hier eine künstlerische Entscheidung vorliegt. Der Löwe besitzt eine körperliche Erscheinung und zugleich eine Ordnung aus Flächen, Übergängen und Kontrasten.

Es lohnt sich, zwischen diesen Wahrnehmungen zu wechseln. Aus einiger Entfernung tritt die Figur als Ganzes hervor. Aus der Nähe werden die Mittel erkennbar, durch die ihre Präsenz entsteht.

Das Bild hält beides zusammen.

Rike Wölke: Muster, Körper und malerische Freiheit

Ein Zebra bringt bereits eine auffällige visuelle Struktur mit. Sein Fellmuster lässt den Körper als ein Gefüge aus Linien und Kontrasten erscheinen. In der Malerei wird daraus eine besondere Aufgabe: Wie verhalten sich diese Linien zur Form des Tieres und zur gesamten Bildfläche?

Rike Wölkes „Zebra 1“ (2025) und „Zebra 2“ (2024), beide Acryl auf Keilrahmen, 60 × 100 cm, bieten einen Zugang zu genau dieser Betrachtung. Schwarze Pinselzüge führen das Streifenmuster über den Körper hinaus in die Bildfläche. Dazwischen liegen neonfarbene Spuren in Pink und Orange: Reifenabdrücke, die als Zeichen menschlicher Eingriffe in den Naturraum gelesen werden können.

„Zebra 1“ von Rike Wölke: frontal dargestelltes Zebra mit schwarzen Pinselzügen und neonfarbenen Reifenabdrücken, Acryl auf Keilrahmen, 60 × 100 cm
Rike Wölke, „Zebra 1“, 2025, Acryl auf Keilrahmen, 60 × 100 cm
„Zebra 2“ von Rike Wölke: Zebrakopf in dicker Acrylmalerei, schwarz-weiß mit pinken und orangefarbenen Spuren, Acryl auf Keilrahmen, 60 × 100 cm
Rike Wölke, „Zebra 2“, 2024, Acryl auf Keilrahmen, 60 × 100 cm

Dabei verändert sich die Aufmerksamkeit. Was eben noch als Fell gelesen wurde, erscheint als Rhythmus. Eine Linie beschreibt den Körper und führt gleichzeitig durch die Komposition. Die Tierdarstellung öffnet sich zur malerischen Fläche.

Zugleich greifen die neonfarbenen Spuren in das Bild ein. Das Tier wirkt kraftvoll und präsent, und mit den Abdrücken kommt das Verhältnis von Wildnis und menschlichem Eingriff ins Spiel.

Darin liegt eine Qualität vertrauter Motive: Sie geben Orientierung und lassen zugleich Raum für Abweichungen. Weil wir ein Zebra erkennen, können wir genauer wahrnehmen, wie die Künstlerin mit seiner Erscheinung umgeht.

Die Frage verschiebt sich vom Wiedererkennen zum Sehen.

Ali Görmez: Eine Figur wird vertraut

Bei Ali Görmez begegnet uns mit Focky eine deutlich reduzierte Tierfigur. Die Ente ist schnell erkennbar. Ihre vereinfachte Gestalt schafft eine unmittelbare Zugänglichkeit und bildet zugleich die Grundlage für unterschiedliche Fassungen.

Die Focky-Arbeiten gehören zur Edition November 2025. Jede Figur ist ein Unikat, gemalt in Acryl auf naturfarbener Malplatte (20 × 20 cm), und existiert nur einmal. Sie lassen sich einzeln oder gemeinsam erwerben.

Wer mehrere Focky-Arbeiten nebeneinander betrachtet, kann verfolgen, wie sich eine wiederkehrende Form durch Farbe und Gestaltung verändert: Der Schnabel erscheint in Orange, Gelb oder Pink, die Flügel in Grün, Hellblau oder Weiß. Die Figur bleibt vertraut; ihre jeweilige Erscheinung setzt andere Akzente.

„Focky 9“ von Ali Görmez: Entenfigur mit orangefarbenem Schnabel und grünen Flügeln auf naturfarbener Malplatte, Acryl, 20 × 20 cm
Ali Görmez, „Focky 9“, Unikat aus der Edition November 2025, Acryl auf Malplatte, 20 × 20 cm
„Focky 7“ von Ali Görmez: Entenfigur mit gelbem Schnabel und hellblauen Flügeln auf naturfarbener Malplatte, Acryl, 20 × 20 cm
Ali Görmez, „Focky 7“, Unikat aus der Edition November 2025, Acryl auf Malplatte, 20 × 20 cm
„Focky 21“ von Ali Görmez: Entenfigur mit neon-pinkem Schnabel und weißen Flügeln auf naturfarbener Malplatte, Acryl, 20 × 20 cm
Ali Görmez, „Focky 21“, Unikat aus der Edition November 2025, Acryl auf Malplatte, 20 × 20 cm

Diese Wiederholung schafft eine besondere Beziehung. Mit jeder weiteren Begegnung erkennen wir die Bildsprache leichter und nehmen Unterschiede genauer wahr. Eine kleine Veränderung kann an Gewicht gewinnen, gerade weil die Grundform bereits bekannt ist.

Focky verbindet so die Vertrautheit eines alltäglichen Tieres mit der Eigenständigkeit einer künstlerischen Figur. Die Arbeit lässt sich unmittelbar erfassen und lädt dazu ein, bei der konkreten Gestaltung zu verweilen.

Was wir im Tier sehen

Tiere im Bild können Empfindungen auslösen, die sich nur teilweise aus der Darstellung erklären lassen. Wir erleben einen Blick als fragend, eine Haltung als stolz, eine Figur als heiter.

Diese Wahrnehmungen gehören zur Begegnung mit Kunst. Sie erzählen auch etwas über unsere eigenen Erfahrungen und Erwartungen.

Hilfreich ist es, die persönliche Reaktion mit einer Beobachtung zu verbinden: Welche Linie lässt die Haltung gespannt erscheinen? Welcher Ausschnitt erzeugt Nähe? Wie beeinflusst die Farbe die Stimmung?

Dadurch wird die Empfindung genauer. Sie erhält einen Bezug zum Werk, ohne dessen Bedeutung festzulegen.

Auch vermeintlich einfache Tiermotive können auf diese Weise mehrere Ebenen öffnen. Ihre Zugänglichkeit ermöglicht den Anfang. Die künstlerische Gestaltung bestimmt, was sich darüber hinaus entdecken lässt.

Drei Positionen, unterschiedliche Beziehungen

Bei Erich Graf kann der frontale Blick die Begegnung prägen. Rike Wölkes Zebra lenkt die Aufmerksamkeit auf das Zusammenspiel von Tiergestalt, malerischer Struktur und den Spuren menschlichen Eingriffs. Ali Görmez entwickelt mit Focky eine wiederkehrende Figur, deren Vertrautheit durch Variation wächst.

Diese Unterschiede machen einen Vergleich ergiebig. Das gemeinsame Motivfeld verbindet die Arbeiten; ihre jeweilige Bildsprache gibt ihnen Eigenständigkeit.

Wer sich für Tierdarstellungen interessiert, kann deshalb bei einer persönlichen Vorliebe beginnen und den Blick anschließend erweitern. Vom dargestellten Wesen zur Komposition. Von der ersten Assoziation zur sichtbaren Entscheidung. Vom vertrauten Motiv zu einer Arbeit, die bei erneuter Betrachtung weitere Fragen eröffnet.

Entdecken Sie die Arbeiten von Erich Graf, Rike Wölke und Ali Görmez in der Galerie von Favori Art. Gern geben wir Ihnen weitere Einblicke in einzelne Werke und die künstlerischen Positionen dahinter.

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