← Magazin Interviews · 2. November 2026 · 4 Min. Lesezeit

„Sexualität ist nicht nur Sache der Jugend“: Autorin Ingrid Schampel im Interview

Die Bonner Autorin erzählt in ihrem neuen Roman mit Humor von Begehren, Eitelkeit und Körpern, die nicht mehr alles mitmachen. Ein Gespräch über eine Familie von Schreibenden, die Isolation in Corona-Zeiten, Nähe im Alter und ein Tabu, das keines sein sollte.

„Sexualität ist nicht nur Sache der Jugend“: Autorin Ingrid Schampel im Interview

Kunst entsteht nicht nur auf der Leinwand, der Bühne oder am Klavier, sondern auch Satz für Satz. Ingrid Schampel schreibt, wie man Klavier spielt: mit Gefühl für Tempo, Pausen und den richtigen Ton. Sie arbeitet mit Humor und einer klaren Haltung, und das in einer Familie, in der das Erzählen Tradition hat: Ihr Großvater war ein politischer Pfarrer und Vielschreiber, ihre Mutter verfasste mit zwölf Jahren einen Roman, sie selbst schrieb erfolgreiche Familienromane. Geboren in Bad Godesberg, war sie Arzthelferin, Journalistin und Heimatforscherin, bevor sie 2024 nach langer Pause als Autorin zurückkehrte.

Mit ihren jüngsten Büchern berührt sie ein Thema, an dem sich Literatur und Kunst immer wieder abarbeiten und das im Alter trotzdem selten erzählt wird: Körper, Begehren und Nähe. Ihr Roman „Die zärtlichen Offenbarungen des Mathias Grey“ erschien am 15. September 2026.

Sie sind in Bad Godesberg geboren, waren Arzthelferin, Journalistin und Heimatforscherin. Was hat Sie auf all diesen Wegen zum Schreiben geführt?

Wahrscheinlich die Gene. Schon mein Großvater, der politische Pfarrer Heinrich Stuhrmann, hat unzählige Bücher geschrieben. Eines davon ist kürzlich in modernerem Outfit neu erschienen, textlich unverändert. Meine Mutter schrieb mit zwölf Jahren ihren einzigen Roman, „Fee, das Waldkind“. Die originellen Vorfahren brachten mich zu den beiden erfolgreichen Familienromanen „Bonner Serenade“ und „Berliner Intermezzo“.

Nach langer Pause kam 2024 Ihr Comeback. Was hat Sie zurück an den Schreibtisch gebracht?

Corona hat allerlei verursacht. Ich habe mich gegen das Impfen gewehrt und war ziemlich isoliert. Das Ergebnis: Es entstand mein erster Erotikroman, „Die schamlosen Offenbarungen der Mrs. Warren“. Und ich lebe noch.

Mathias Grey kennt man schon aus „Die schamlosen Offenbarungen der Mrs. Warren“. Wann wussten Sie, dass er ein eigenes Buch verdient?

Ich wusste erst nach dem Erfolg der Mrs. Warren, dass es Zeit wurde, mich mit der männlichen Erotik auseinanderzusetzen.

Er hält sich für den Jäger und ist überall die Beute. Warum hat Sie diese Umkehrung gereizt?

Mathias ist, wie fast alle Männer, ein Jäger. Nach seiner Heirat mit Mathilde, die von morgens bis abends auf Betten, Sofas und Teppichen eheliche Pflichterfüllung wünscht, wird er zum Gejagten. Er ist das offenbar so gewöhnt, dass er weiter gejagt wird. Nicht zu vergessen: Er ist ein hübscher Mann, und nach Nietzsche reizt Schönheit zur Zeugung.

Abigail Warren ist 72, klug und schenkt Whisky aus wie andere Ratschläge. Wie viel von Ihnen steckt in ihr?

Da ich weder Whisky noch Alkohol in irgendeiner Form trinke, habe ich nur den Hang, originelle Menschen aufzuspüren. Wahrscheinlich hängt das mit meinen bereits erwähnten Vorfahren zusammen, dort wimmelte es von Originalen. Wo gab es schon einen Pfarrer, der ein Doppelhaus im Jugendstil verlor, weil er pleite war?

Der Roman erzählt mit Humor von Begehren, Eitelkeit und Körpern, die nicht mehr alles mitmachen. Was wollten Sie über Nähe im Alter erzählen, das selten erzählt wird?

Nähe ist nicht nur im Alter ein wichtiger Punkt. Wer als Kind nicht liebevoll in den Arm genommen wurde, hat es später schwer, selbst Nähe zu vermitteln. Ich wurde sehr viel in den Arm genommen und habe mich mein Leben lang in sympathischen Armen wohlgefühlt. Wer im Alter niemanden mehr hat, der ihm Nähe schenkt, ist arm dran. Oft ist das aber eine Frage der Hygiene. Einen gut duftenden Menschen drückt man lieber als das Gegenteil.

Gibt es eine Szene oder einen Satz im Buch, an dem Sie besonders hängen? (Bitte ohne zu viel zu verraten.)

Eheromanzen gibt es nur in Romanen, in denen die Heldin im ersten Kapitel stirbt.

Sie waren im „Kölner Treff“, bei „Kaum zu glauben!“ und in vielen Zeitungen. Was hat Sie an den Reaktionen auf Ihre Bücher am meisten überrascht?

Überrascht ist nicht das richtige Wort. Ich war überwältigt, mit fast hundert Jahren so viel Aufmerksamkeit zu bekommen, dazu über 3.600 Likes samt Kommentaren, nur weil ich zu einer Art Tabubrecherin wurde. Als wäre Sexualität eine Sache der Jugend. Durch Lesungen und meine alternde Familie bin ich oft in Altenheimen gewesen und habe dort gesehen, dass abends auch gern mal über die Flure geschlichen wird.

Für wen ist dieses Buch, und was sollen Leserinnen und Leser nach dem letzten Kapitel mitnehmen?

Ich bin ein sozialer Mensch und gönne meinen Lesern Entspannung, aber auch etwas zum Nachdenken, was offenbar zu Unrecht abgeschafft wurde. Wer es noch tut, behält sein Fühlen und seine Gedankenwelt, wenn er eine hat, für sich. Quält sich herum, wird krank und belastet unser Gesundheitssystem.

Beenden Sie bitte diesen Satz: „Ein gutes Buch erkennt man daran, dass …“

… man als Leser nicht herumrätseln muss, was im Kopf des Verfassers vorgeht.


Buchcover: Die zärtlichen Offenbarungen des Mathias Grey von Ingrid Schampel

Die zärtlichen Offenbarungen des Mathias Grey
Eine erotische Gesellschaftskomödie von Ingrid Schampel

Erschienen: 15. September 2026
Ausgabe: Softcover, 13,95 €
ISBN: 978-3-384-99641-1
Verlag: tredition
Reihe: Fortsetzung von Die schamlosen Offenbarungen der Mrs. Warren, auch ohne Band 1 lesbar

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